Notfall…

Ich stehe. Das ist noch kein Notfall – das ist Normalfall. Sitzen geht erst zwei Stationen später. Finde einen Platz zwischen fünf fremden Menschen und beschließe innerlich – auch gleich wieder auszusteigen. Ziehe die luftige S Bahn dem unterkühlten und überfüllten Regionalexpress vor.

Mir schräg gegenüber sitzt ein junges Mädchen, redet mit ihrem Freund, der neben mir sitzt, über Politik, lacht schallend, kramt in ihrer Tasche. Legt den Kopf an die Schulter ihres Nachbarn – der Nachbar, der nicht ihr Freund ist… und beginnt zu krampfen.

Plötzlich ist diese Frau ein einziger großer Krampf.

Schreck – wirklicher Schreck. Die Hände stehen im 90 GradWinkel zu den Handgelenken, der Oberkörper biegt sich zu den Oberschenkeln. Leichenblasses Gesicht.

Der Freund wirkt völlig überrascht. Versucht sie zu stützen, ruft ihren Namen – atmet heftig. Mir stellen sich alle Nackenhärchen auf, als ich im Rucksack nach meinem Telefon suche. Ich habs – kein Empfang. Eine Frau im Mittelgang hat Empfang und telefoniert bereits mit der Rettungsstelle. Wir sollen die Notbremse ziehen, sagt sie. Da fährt der Zug gerade in den Bahnhof ein. Niemand zieht die Notbremse.

Im selben Augenblick nimmt das Mädchen wieder ihre normale Position am Fenster ein. Schaut sich um – hochrot im Gesicht. Weiß offensichtlich nicht, was passiert ist. Der Freund drängt sie zum Aussteigen – da müsste gleich ein Arzt da sein. Mühsam lässt sich das Mädchen überreden. Beide steigen aus. Ich auch – mit weichen Knien und klopfendem Herzen.

Vom  Bahnsteig gegenüber sehe ich die beiden diskutierend vor dem wartenden Zug stehen. Sie hat ein Ziel, will ankommen. Steigt wieder ein. Der Zug fährt ab. Kein Notarzt. Und doch ein Notfall. Zurückbleiben bitte, sagt´s in meiner S bahn.

Und ich bleibe. Zurück…

 

 

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