Sushi mit links…

…ist für eine Rechtshänderin eine echte Herausforderung.

Stehe auf dem Bahnsteig und jongliere eine schwere Tasche auf der rechten Schulter, halte mein Sushi mit Soyasauce in der rechten Hand und versuche einhändig links die Essstäbchen zu trennen. Ohne das alles umfällt, was sich in der rechten Hand befindet. DAS ist bereits ein Akt…

Es knackt – die Esstäbchen trennen sich und die schwere Tasche rutscht bis in die Armbeuge. Kann den Stoß gerade noch abfangen. Nur die Soyasauce wackelt bedenklich.

Habe ich bereits erwähnt, dass ich unglaublich hungrig bin..?

Sieben Stunden Arbeit liegen hinter mir – ein bisschen Obst, viel Tee und noch mehr Wasser auch. Mehr nicht. Das Sushi soll mich retten.

Meine linke Hand ist etwas unkoordiniert. Immer rutscht ein Stäbchen weg. Und da kommt auch schon mein Zug. Leider fehlt mir in dem Moment die dritte Hand – zum Maske aufsetzen.

Im Zug bleibe ich im Bereich der Türen stehen. Ist genug Platz für die anderen Beiden, die da ebenfalls stehen. Mit Maske. Meine linken Finger werden in der Wärme geschmeidiger, was trotzdem nicht verhindert, dass ein dicker Soaysaucentropfen auf mein Schal tropft. Großartig. Er hat drei Farben auf die er tropfen könnte und sucht sich natürlich das Weiß aus.

Gerade kehrt ein leichtes Sättigungsgefühl ein, da stampft wütend eine Frau an mir vorbei. Mit bösem Blick und bösen Worten. Die bösen Worte kann ich nicht verstehen – sie hat ZWEI Masken auf und ich hab Stöpsel in den Ohren. Aber den bösen Blick kann ich zuordnen. Und er trifft mich.

Tief.

Ich stehe machtlos meiner Wut gegenüber – angesichts dieser Maßregelung durch eine wildfremde Frau.

Stopp…!!! Stopp, Charlotte – hält mich mein KLEINES VORMIR zurück. Es stemmt sich vehement gegen meine Brust und schiebt mich rückwärts. Das KLEINE HINTERMIR zieht an meinen Haaren und flüstert, tieeeeef Luft holen, Charlotte. Die Frau – ist NICHT das Problem. Das Problem ist die Regierung UND das Angstschüren und die Panikmache durch die Medien.

Das Weißglühen in meiner Brust kühlt runter auf rotglühend. Mein KLEINES VORMIR hat Schweißtropfen auf der Stirn. Das KLEINE HINTERMIR lässt widerstrebend meine Haare los.

Besser, jetzt?

Nee – nicht wirklich. Die Situation wird ja grad noch schlimmer. Und wer mir jetzt damit kommt – HÖR AUF ZU JAMMERN – es trifft doch alle, hat einfach nicht begriffen, worum es mir geht.

Ich jammere nicht – ich stelle fest. Mal abgesehen davon hat NICHTS und NIEMAND sich anzumaßen mich in irgendeiner Art und Weise zu maßregeln.

Oder glaubt ihr wirklich, dass ich freiwillig in der Kälte eines Bahnhofes stehe, um mich von Fast Food ( und Sushi auf dem Bahnhof IST verdammt nochmal FAST FOOD) zu ernähren..? Versucht doch mal einen Tisch IM Restaurant zu kriegen. Oder wenigstens davor.

NICHTS. GEHT. MEHR.

Wo soll ich denn hin, wenn der Weg nach Hause lang und der Hunger einfach da ist? Selbst Stulle mit was drauf muss ich ja irgendwo essen können. Da bleibt nur das Laufen zum Bahnhof, auf dem Bahnsteig im Stehen oder – IM Zug – mit Glück im Sitzen.

Die Regierung möchte, dass ich gesund bleibe. Aha.

Macht die Restaurants wieder auf. Sie haben für Extra-Raum gesorgt, für Trennwände, für Desinfektionsmittel – für ihr Einkommen…

…für meine Lebenslust, für Geselligkeit und für Gekicher über Sushi mit links…