Endorphine…

Stehe mit Stöpseln in den Ohren auf dem Bahnsteig und halte mein Gesicht in die Sonne. Fällt ein Schatten auf mich – ist nicht der Zug – der steht nämlich schon. Wird hier eingesetzt. Fährt erst in 10 min. Und ich muss nicht hetzen. Deshalb – Gesicht in der Sonne. Der Schatten ist ein Mann…

Fragt als erstes, ob ich deutsch rede. Da muss ich schon schallend lachen. Der Arme ist ganz verwirrt. Er steht kurzärmelig vor mir, hat ein Handtuch im Genick, und am Hals hängt ein langer Fussel. Ganz weiß. Sieht aus wie die Wattierung eines Schlafsacks.

Er macht sowas nicht oft – ist mein erster Gedanke. Leute ansprechen. Oder Frauen. Oder mich. Er holt aus. Mit seiner Geschichte:

Kommt grad aus dem Knast. Wollte Freunde überraschen – bei denen übernachten. Ist nach hinten losgegangen. Spontan kann ganz schön anstrengend sein. Ende vom Lied – Übernachtung auf einer Bank. Der Rucksack morgens verschwunden  –  das Handy zum Glück in der Tasche gehabt.

Aha.

Komm zum Punkt, sage ich.

Er windet sich. Schlägt die Hände vors Gesicht, stöhnt – entschuldigt sich – wird rot…  Erzählt mir vom Hostel – 14,95 die Übernachtung. Er hat noch 5. Will aber nicht noch eine Nacht auf der Bank verbringen.

Aha…

Gute Show, denke ich. Mein KLEINES VORMIR hat schon ins Portmonee gelugt. Du hast noch genau 10 €, wispert es… Spinnst du…??!!, kommt´s vom KLEINEN HINTERMIR. Der erzählt doch Märchen, Charlotte. Alles erstunken und erlogen. Geh damit lieber einen Kaffee trinken und ein Croissant essen. Haste mehr von…

Die Unterlippe vom KLEINEN VORMIR zittert. Der arme Mann – ist doch egal, ob`s stimmt. Es ist ihm total peinlich. Und allein, das ist es schon wert…

Ja, ja… wettert mein KLEINES HINTERMIR. Das ist nur der erste, dann kommt der nächste und der übernächste und so weiter und so weiter. Und dann gibts keinen Kaffee und keine Croissants mehr. Überlegs dir gut, Charlotte…

Oha. Keinen Kaffee, keine Croissants – ist ein Argument…

Irgendwie bin ich Argumenten aber grad nicht zugänglich. Ein großer Haufen Endorphine tanzt in meiner Seele… Sonne, denke ich… Unverhofft reiche ich dem Mann meinen letzten 10 Euroschein… Der kann´s nicht glauben. Stottert, schämt und bedankt sich…

Ich bin nicht Schuld – die Endorphine sind`s…

 

 

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