…um so länger man kackt – um so kürzer muss man schlafen…

…sagt Tilo. Der muss es wissen. Er ist fünf und sitzt mir gegenüber. In einer völlig überfüllten Bahn. Sein Freund Gordon hat extra für mich seinen Rucksack, die Jacke, ein Basecap, eine Trinkflasche, eine Tüte Gummibärchen und die Warnweste vom Platz geräumt. Damit ich sitzen kann.

Gordon und Tilo machen mit ihrem Kindergarten einen Ausflug. Nach Berlin. Ins SEALIFE. Sie können es beide nicht richtig aussprechen – sind aber unglaublich aufgeregt.

So aufgeregt, dass Gordon immer auf und ab hüpft und pausenlos redet. Sehr laut und sehr dicht an meinem Ohr. Das kann ich nicht verstöpseln. Hab die Ohrstöpsel nämlich liegen gelassen. Weiß leider nicht mal – wo. Da sitzt noch eine junge Frau in der Ecke, die ich glatt als Erzieherin verorte. „Nee“ – sagt sie, „ich gehör´ nicht dazu. Sitz hier nur zufällig…“

Aha.

Gordon hopst inzwischen wie ein Gummiball durchs Abteil. Kommt von weit hinter uns eine resolute Stimme: „Gordon – HINSETZEN…!!!“

Wirkt nicht wirklich, weil – die Mädels im Nebenabteil pupsen. Tilo sagt: „pupsen macht glücklich…“ die Mädels giggeln. „Und außerdem: um so länger man kackt, um so kürzer muss man schlafen.“ Ich pruste los – ohne pupsen und die junge Frau in der Ecke lacht. Wir beide schauen uns an. Zwischen ihren Beinen steht ein Nachttopf. Schaut jedenfalls so aus, wie ein Nachttopf. Ein bisschen überdimensioniert mit Rüschen. Und rund. Eben ein Gefäß – aber eher stofflich. Also nix zum Benutzen. Würde ja alles nass werden.

Aha…

Im Moment frage ich mich allerdings auch, woher Tilo diese unglaubliche Weisheit hat. Alles selbst ausprobiert denke ich und greife zu meiner Wasserflasche. „Ist da Bier drin?“, kommt´s von Gordon.

Äh nee – kann man durchgucken – ist Wasser… Wo war ich grad? Beim Selbstausprobieren…??? Gordon holt seine Apfelschorle vom Sitz. „Kuck hier – is Bier drin…“ Hmmmm… nee – den Gedanken denk ich jetzt nicht weiter.

Von weiter hinten schallt es: „alle anziehen, Jacken zu machen, Westen umbinden und SITZEN BLEIBEN…“ Ich helfe Gordon, der mit der Reihenfolge nicht einverstanden ist. Grad ist er mit gar nix einverstanden. Er wütet, weil der Rucksack nicht zu geht. Und die Weste will er auch nicht umbinden.

Tilo steht auf, geht zu ihm, nimmt die Weste und stülpt sie ihm einfach über. Er zerrt noch ein wenig an einer Schlaufe, und dann leuchtet Gordon auch wie alle anderen. Laut flüstert er in Gordons Ohr: „um so länger man kackt, um so kürzer muss man schlafen, Gordi…“ Gordi lacht, trampelt, schubst und drängelt sich zur Tür. Tilo zwinkert mir zu und rennt hinter Gordon her, seinen kleinen Delfinrucksack schwenkend wie ein Taschentuch zum Abschied.

Ein Großmutterlampenschirm ist´s. Der stoffliche Nachttopf mit den Rüschen. Kann nur nicht leuchten… „krieg` ich wieder hin“, sagt die junge Frau, grinst und schwenkt den stofflichen Nachttopf wie ein Taschentuch zum Abschied.

 

 

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5 Kommentare zu „…um so länger man kackt – um so kürzer muss man schlafen…

  1. Liebste Charlotte,
    Die Weisheit aus Kindermündern ist einfach nicht zu topen, da wäre ich gerne dabei gewesen, aber so wie Du es beschreibst, war ich eigentlich dabei und die Szene wird mich heute lächelnd durch den Tag begleiten 🙂
    Liebste Grüße von deinem
    novembermann

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  2. Liebe M.Charlotte! Ich bin leider nicht in der Lage die ganze Geschichte zu verstehen. Mir fehlen die Umgagswörter…Liebste Grüsse auch an Tilo, der den Sealife-Besuch bestimmt geschätzt hat.

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