Stocksteif…

…sitzt er da. Der alterslose Asiate. Sitzt in seiner Ecke – beinah unsichtbar. Stocksteif. Am Fenster.

Setz mich diagonal zu ihm. Gebe meinen Beinen eine Richtung, die den beinah Unsichtbaren sichtbar machen. Weil – ich berühre aus Versehen – nur mit meinem Hosenbein – sein Knie. Sehe, wie er sich noch mehr versteift und denke – geht da noch mehr…?

Die Antwort kommt augenblicklich. Es steigt jemand zu. Lange Beine, die sich an mir vorbei sortieren möchten und dabei den Unsichtbaren mehrmals punktieren. Ganz ohne Absicht. Ist eben eng. Ich sehe den Wunsch des alterslosen, stocksteifen Asiaten. Verschmelzen möchte er mit der Ecke, in der er sitzt. Er atmet immer zurückhaltender.

Das hilft ihm nicht wirklich. Irgendjemand hat ein Fenster geöffnet und Pollen rauschen durchs Abteil. Scheinen sich alle um den alterslosen Asiaten in seiner Ecke zu versammeln. Lassen sich federleicht auf ihm nieder und finden Wege, ihn mit größtmöglicher Höflichkeit niesen zu lassen…

Der Niesanfall lässt den Asiaten erzittern. Innerlich… Stocksteif niest er in sein Taschentuch. Seine Augen tränen, die Nase läuft – aber seine Bewegungen sind minimalistisch.

Meine nicht. Ich sitze kichernd über meinem Buch. Kann kaum an mich halten, nicht laut loszulachen. Dem Mann mit den langen Beinen mir gegenüber scheint es genauso zu gehen. Wir wagen nicht – uns wirklich anzuschauen, denn die Gefahr des laut – Losprustens hängt über uns, wie das Damoklesschwert.  Ich setze meine Sonnenbrille auf, um mich etwas abzuschirmen und zu beruhigen.  Leise kichernd versuche ich den Satz zu Ende zu lesen. Unterdessen setzt mein gegenüber eine Sonnenbrille mit orangenen Gläsern auf.

Aha, kann ich nicht mal denken, da kullert das Lachen schon aus mir heraus. Es packt mich, schüttelt mich, wird lautes, giggelndes Lachen, welches ich in einem Anfall von Höflichkeit versuche, hinter meinem Buch und der Sonnenbrille zu verstecken. Völlig zwecklos. Es bricht aus mir heraus und findet sein Echo in dem Mann mir gegenüber.

Der stocksteife Asiate ist völlig irritiert. Er hat aufgehört zu niesen und versucht die Pollen mit einem Pfefferminzbonbon in die Flucht zu schlagen. Einem flüssig gefüllten Pfefferminzbonbon. Das weiß er aber erst nachdem er es ausgewickelt hat. Das es flüssig ist. Mein Gegenüber und ich wissen das dann auch… Weil – es hat ein Loch.

Und dieses Loch lässt seine Füllung direkt auf den Oberschenkel tropfen… sehr nah an der Stelle, an der Mann keine Flecken haben möchte. Schon gar keine, die nach Minze duften.

Mein Lachen lässt sich nicht mehr verstecken. Ich weiß, dass das unhöflich ist und mein KLEINES VORMIR schimpft ordentlich mit mir  – aber dieses Lachen lässt sich nicht aufhalten. Die Situation ist dermaßen komisch, dass man schon ein sehr stocksteifer, altersloser Asiate in Berlin sein muss, um nicht wenigstens zu grinsen.

Mein Gegenüber hat sich auch ergeben. Haltlos lacht er mit seiner orangenen Brille auf der Nase. Mein KLEINES HINTERMIR hisst die weiße Flagge und ich verlasse kichernd, und mir Tränen aus den Augen wischend, das Abteil…

Hab ganz vergessen, dass alles damit begann, dass mein Zug nicht nur Verspätung hatte – nee  – er ist ganz ausgefallen und ich musste zur S – Bahn rennen und jetzt muss ich gleich nochmal umsteigen… Kichernd renne ich zum nächsten Bahnsteig…

 

 

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4 Kommentare zu „Stocksteif…

  1. Liebe Charlotte.
    Es sind zwei verschiedene Verhalten. Einerseits der unerschütterliche stolze und schliesslich irritierte Asiate, andererseits die spöttischen gern lachenden Westeuropäer.
    Und plötlich erscheint die rosenfarbige Tulpe, die sich herabsenkt und deren Pollen sehr nah an eine Stelle tropfen, an der eine Frau keine Flecken haben möchte…Das Rad dreht sich auch in der S-Bahn ….
    Liebste Sonnenstrahlen und Grüsse.

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    1. ….hmmm…. nee – bestimmt nicht auslachen…. tu ich nicht … eher die Situatinskomik erkennen …. und über die dann lachen …. ist viel schöner als auslachen ….

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    1. Kennst du das Gefühl, Dir unbedingt was zu verweigern…? Weil’s grad fürchterlich unpassend wär‘, zu tun, was du nicht tun solltest ….? Pupsen beim Gespräch mit dem Chef oder Niesen, wenn alles auf den Einsatz der Sopranistin wartet ….??? So war’s da auch … war mir auch ordentlich peinlich – naja – nur peinlich mit so einem Giggeln ganz hinten im Hals ….
      Liebste Grüße
      Charlotte

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