Angst…

…hat im Moment noch niemand… aber jeder weitere Satz führt uns unweigerlich zum Titel.

Sitze vor schreiend leeren Seiten. Ganz weiß, ganz leer – mein Charlotte – Heft. Hat sich irgendwie kein Wort verirrt – da hinein. Hat mich das Erleben von Angst tatsächlich davon abgehalten, Notizen zu machen. Greife auf die Erinnerung zurück…

Eine Mutter mit ihrer fünfjährigen Tochter betritt den Waggon und schaut sich schon beim Platz einrichten – suchend um. Ich nehme an, sie hat keinen Fahrschein und will einen lösen. Niemand kommt. Die Mutter wird unruhig – will ja nicht schwarz fahren. Die Tochter im Glitzerkleid und liebevoll geflochtenem Haar springt immer wieder auf . Sitzen scheint nicht ihr Ding. Die Mutter hat vorausgedacht und Bastelkram eingesteckt.

Gemeinsam erstellen sie ein Memory – wobei die Mutter, die bereits gedruckten Symbole ausschneidet. Tochter will auch – nee darf sie nicht – kann Mama besser.

Aha. Hilfesuchend wendet sich das kleine Persönchen an den Mann mir gegenüber. Sie sagt Papa und er ist leicht irritiert. Die Mutter überhört das Papa und schneidet weiter aus. „Jetzt brauchen wir Kleber“, sagt die Mutter. Hat sie dabei. Bunte Stifte auch. Einen kriegt die Tochter. Zwei Stationen sind vorbei gerauscht und noch immer war kein Schaffner da. Die Mutter ist jetzt sehr unruhig. Sie sagt ihrer Tochter an der nächsten Station, dass sie im Abteil bleiben soll und verlässt das Mädchen.

Ich vertiefe mich in meine Musik als ein Schrei ertönt. So durchdringend, so voll mit Angst – schrecklicher, verzweifelter Angst – so tief schluchzend und so Ohrenbetäubend, dass sich mir die Härchen auf meinen Armen aufstellen.

Das Mädchen steht am Fenster, zitternd und bringt keinen Ton mehr heraus. Im Mann mir gegenüber erwacht das Papagen. Beruhigend spricht er auf die Kleine ein und gibt dabei das Fenster frei. Ich sehe, wie die Mutter auf dem Bahnsteig versucht, die Fahrkarte zu stempeln. Das ist der Augenblick, in dem mich die Angst erreicht und die Wut. Die Wut auf den Schaffner, der nicht da ist – auf die Mutter, die einfach hätte Bescheid sagen sollen – auf alles !!! – auf alles, was mich dazu bringt ANGST zu haben und ANGST zu schreiben – mit der WUT komme ich klar – mit der ANGST des Mädchens habe ich zu kämpfen…

Die Mutter kommt zurück ins Abteil gerannt und nimmt ihre Tochter in den Arm. Schluchzend klammert sich das Mädchen an sie. Leise redet die Mutter auf ihre Tochter ein.

Mein Herz hämmert. Den Mann mir gegenüber scheint´s auch ziemlich mitgenommen zu haben. Ich hole ein paar mal tief Luft und höre dabei wie die Mutter ihrer Tochter den Fahrschein zeigt. „Sieh mal – und hat nicht mal gestempelt, der blöde Automat…“

 

IMG_9377

Ein Kommentar zu „Angst…

  1. Liebe Charlotte. So wird noch einmal bestätigt, wie tief die Kinder Liebe zu ihrer Mutter haben, obwohl diese Situation gar nicht notwendig ist….
    .Ich habe gerade im Radio gehört, unsere SNCF (eure BB) habe „ein 4jähriges Kind“, das trotzdem von der SNCF begleitet war, „verloren“…“Der Begleiter sei mit dem Kind eine Station vorher ausgestiegen“ !!!! Ma kann sich die Angst des Kindes und der Mutter vorstellen….
    Liebste sonnige Frühlingsgrüsse.

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s