Rotzgöre…

…das Wort habe ich lange nicht gehört. Noch ist es nicht gesagt denn noch stehe ich im Gang und kann es nicht fassen: samstagfrüh 10.11Uhr… und der Zug ist rappelvoll. So unglaublich voll, dass ich schon keine Lust mehr habe. Keine Lust auf Arbeiten, auf Stehen im Gang und auf die dicke Luft hier drin schon gar nicht. Denn dick ist sie – die Luft – da braucht´s ne Heckenschere für.

Ich arbeite mich voran, frage in jedem Abteil nach einem freien Platz. Theoretisch gibt´s davon einige – praktisch  sitzen die Sitzbesetzer alle auf dem gleichen Klo. Nachdem mir auch der fünfte Typ sagt – seine Freundin sei auf der Toilette, fasse ich mir an den Kopf, stelle mich in den Gang und rufe ziemlich laut – ob es denn noch einen Platz für mich gäbe, der nicht durch eine auf dem Klo sitzende Freundin besetzt sei. Schlagartig wird es still.

Ja, Leute , ich will sitzen, – sag ich, – habe noch einen langen Tag vor mir… Hinter mir Stimmengemurmel:

„Ja, die kann sich da hinsetzen, ich muss hier weg von den Rotzgören…“ Ein Frau stürmt  an mir vorbei – zornbebend. Ihr Mann hält ein kleines Mädchen auf dem Schoß fest. Hoffentlich erdrückt er sie nicht, denke ich. Sieht aus, als würde er sie beschützen wollen – so eng hat er sie an sich gepresst. Ich suche nach einem großen Hund – keiner da. Einen kleinen habe ich auch nicht gesehen. Da fällt mein Blick auf das Abteil neben den beiden. Aha…

Ich setze mich auf einen der beiden frei geworden Plätze und werfe einen zweiten Blick nach nebenan. Nee – kein Hund…

Nur vier Mädels auf dem Wege der Provokation. Alles an ihnen. Gepiercte Nasen, gefärbte Haare, die Worte, das Lachen, die Schatten unter den Augen und die Musik. Jedes Detail Provokation – im sächsischen Slang.

Jedes zweite Wort – Alter- eh Alter… Find ich jetzt nicht dramatisch – klingt sächsisch ganz lustig. Aus Leipzig kommen die vier. Wollen zu irgendeinem Konzert, sind jetzt schon völlig kaputt und irgendwie gaga im Hirn. Bei der Hitze da draußen tragen sie schwarze Strumpfhosen und dicke Boots. Hoffentlich trinken die genug, denke ich. Wasserflaschen sehe ich nur eine.

Die Mutter des knapp zweijährigen Mädchens kommt zurück und schreit ihren Mann an, dass sie sich das nicht bieten lässt. Ihre Tochter wird nicht zugemüllt, von diesen Rotzgören (ihr Wort), die in ihrer Birne nur – eh Alter- und fuck you – finden. Der Papa hält dem Töchterchen vorsorglich die Ohren zu. Wobei mir nicht ganz klar ist – vor wem er sie jetzt schützt. Weil, die bösen Worte kommen ja grad von der Mama.

Die Rotzgören kichern, lachen – sagen eh Alter und fuck you – bis die zornbebende Frau davongerauscht ist. Das kleine Mädchen schaut sehr interessiert ins fremde – sächsisch giggelnde –  Abteil. Ob der Papa jetzt auch Scheuklappen rausholt, frage ich mich. Achte darauf, nicht laut zu denken, warne ich mich.

Es fällt mir schwer. Ehrlich. Die Mädels sind anders – klar. Wer will mit 16 sein, wie alle anderen…? Aber hallo…?? Gleich so abzugehen..? Mensch – in welchem Bullerbü leben die denn?

Shit.. ich will ja nicht bewerten – nur kommentieren… Ist aber auch schwer.

Natürlich verstehe ich auch die Mutter. Ist sicherlich ihr erstes Kind – da will man ALLES richtig machen. Und böse Wörter sind dann so das allerletzte, was auf kleine Kinderöhrchen treffen darf. Wobei – hätte sie nicht so heftig reagiert – gäbe es da nicht die kleinen Fragezeichen in den Kinderaugen. Mit denen muss jetzt der Papa fertig werden.

Was für ein Dilemma. Aber nicht meins…

Ich verlasse meinen hart erkämpften Platz, werfe noch einen Blick auf die vier Provokationen und habe doch glatt wieder Lust, arbeiten zu gehen…

 

 

6 Kommentare zu „Rotzgöre…

  1. Hallöchen Charlotte,
    Ich höre direkt den Lärm und das Gegiggel. Außerdem spüre ich die furchtbare dicke Luft.
    Die Mama war bestimmt sehr gereizt 🙉 da reagiert man schon mal über. Das geht mir auch Hinrunde wieder so.
    Aber man ist halt nicht allein auf der Welt…
    Ich könnte nie den freien Platz jemand anderes verwehren, wenn er doch tatsächlich frei ist, Frechheit.
    Liebe Grüße und gute Nacht
    Tini

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      1. Guten Morgen liebe Tini,
        Rechtschreibhilfe ist immer übergriffig… auch wenn’s wieder kalt ist draußen….😉
        Liebste Grüße durch die Hitze …😎

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  2. Liebe Charlotte. Ich stelle mir vor, wie unangenehm die Fahrt in diesem Glaskasten gewesen sein sollte. Was sollte an schlimmsten gewesen sein? Die dicke Luft oder die sogenannten Rotzgöre (ich musste im Wörterbuch des Jahres 1956-61 nach der die Bedeutung schauen!) ?…Aus meiner beruflichen Erfahrung können sich Jugendliche an einem Abendfest unhöflich und sich am folgenden Tag gesellschaftlich sehr höflich benehmen…Es liegt an der Erziehung, die die Eltern vermittelt haben…Feiern und Verantwortlich sein gehören zusammen…Liebste Grüsse.

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