Wandertag…

Hab grad meine Ohrstöpsel entwirrt und bin beim Musik suchen. Da sehe ich eine Klasse mit wahrscheinlich 15jährigen Pubertierenden über den Bahnsteig rennen. Sie erwischen den Zug noch – ALLE – und die Kontrolleurin hat mit Gruppenkarten ausstellen zu tun. Zwei Jungs erspähen vier freie Plätze und wie auf Kommando stehen weitere vier Jugendliche neben ihnen. Kurzes Gerangel – wer, wo sitzt. Einer kommt noch im Nebenabteil unter. Der letzte bleibt stehen. Sieht sich um. Nimmt seinen Rucksack ab und verstaut ihn im Gepäckgestänge. Da wird ihm ein weiterer Rucksack hochgegeben, den er auch verstaut. Schön ordentlich. Sammelt sogar noch die Träger zusammen, damit sie nicht runterhängen.

Boa, denke ich. So geht das also auch.

Dann passiert etwas wirklich Unglaubliches: der Junge mit den breitesten Oberschenkeln bietet diese als Sitzgelegenheit für den noch Stehenden an. Und der setzt sich. Da kommt kein Gekicher oder ´ne blöde Bemerkung.  Nix…Gar nix… Der sitzt und macht´s sich bequem. DAS ist der Chef, denke ich. Komme aber nicht weiter mit meinen Gedanken, weil ich das Gefühle habe, angestarrt zu werden. Auf Augenhöhe sozusagen.

Inzwischen habe ich mein Charlotteheft auf den Knien und schreibe mit. Schnell, in kurzen Sätzen, völlig unleserlich. Hoffe ich… weil – rechts neben mir stehen zwei – nein -vier –  Zweitklässler und schauen mit ACHT Augen auf das, was ich schreibe. Sie stehen tatsächlich auf Augenhöhe. Vier verschiedene Farben mustern mich neugierig. Keiner fragt was. Aber in allen Augen stehen die Fragen. Hmmm… ist vielleicht besser ich hör jetzt auf, denke ich. Sonst muss ich doch noch Fragen beantworten. Als ich meinen Füllfederhalter verstaue, kommt Bewegung in die vier Menschlein. Wild hantieren Sie mit ihren Händen…seltsame Laute ausstoßend.

Gebärdensprache…. na klar. Taubstumm – wahrscheinlich.

Sie berührt mich – diese ganz eigene Kommunikation. Dieses doch andere Miteinander. Sie schubsen und drängeln, wie alle anderen auch. Ziehen – um auf sich aufmerksam zu machen- den anderen am T-Shirt und verlassen im Gänsemarsch den Waggon.

Die Pubertieren sind ebenfalls auf dem Weg nach Draußen. Der Chef hat die Rucksäcke verteilt und sich auf eins der Mädels gestützt. Sie belegt ihn mit einigen Schimpfwörtern, scheint es aber doch zu mögen. Beide wanken sie aus der Tür. Als ich endlich aus dem Zug steigen kann, sehe ich mich Massen von Schulkindern gegenüber…. Was tun die alle hier?, frage ich mich…

Und dann fällt´s mir ein: Morgen gibts Zeugnisse und davor muss gewandert werden.

Verordneter Wandertag sozusagen.

Hmmm…. Aha… Hat Wandern nicht mit Natur oder zumindest Draußensein zu tun…? Oder gilt hier schon das Wandern zwischen den Bahnsteigen…? Und vor allem – warum alle auf einmal…?

Vielleicht will ich das gar nicht so genau wissen. Muss schließlich eine Bahn kriegen und über Pubertierende schreiben. Und hätt´s den Wandertag nicht gegeben, stünde ich mal wieder vor der Frage – worüber schreibe ich heute… ?!

 

 

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10 Kommentare zu „Wandertag…

  1. Liebe Charlotte,
    danke für meine Gute Nacht Geschichte. Gott sei Dank gibt es Wandertage 🤗
    Ist doch immer wieder erstaunlich, wie sich noch auf den letzten Drücker etwas ergibt, was sich lohnt aufzuschreiben.
    Liebe Grüße
    Tini 🙋🏻‍♀️

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  2. „..und schreibe mit. Schnell, in kurzen Sätzen, völlig unleserlich. Hoffe ich…“ – aber natürlich kann man Deine Geschichten, Liebe Charlotte, nur lesen, wenn sie auf dem Laptop, Tablet & co. zu lesen sind. Deine Handschrift sonst zu entziffern, ist so gut wie unmöglich 😉

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    1. …. 🙃… wie sagte letztens ein Mann, der mich beim Schreiben beobachtete…?
      Das ist ja Kunst – Ihre Schrift… ja, sag ich, wie im wirklichen Leben… alle stehen davor und fragen sich leise – was will sie uns damit sagen – die Künstlerin … ??
      Liebste Grüße

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  3. Ach… WANDERTAG sowas ist doch schön und lustig auch 😝🤪 So wie die Geschichte
    Sie hat mir sehr gefallen ❤️

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  4. Liebe Charlotte..Derzeit wird bei uns viel gewandert : ob bei den Jugendlichen, die das Baccalauréat (Abitur) manchmal weit von zuhause machen oder bei den echten Reisenden, die ihren Urlaubsort – meistens im Süden Frankreichs – erreichen,
    Liebe Charlotte, deine Handschrift sonst zu entziffern, sei so gut wie unmöglich, so Anna. Das stimmt aber nicht, denn ich als Franzose deine Handschrift sehr gut entziffere….besser gesagt : sehr gut lese…Es steht fest, dass die Deutschen eine gleichförmige Handschrift vorweisen, ob in Fulda oder in Böblingen oder noch in Hamburg, als hätten sie den Schriftunterricht ihrer damaligen Lehrer nicht vergessen. Ich schätze deine eigene Handschrift, die ich sofort auf dem Umschlag erkenne und die wie eine Art Kunst erscheint : Kaligraphie. Deine Handschrift ist ja wie die sanften anmutenden Wellchen….Liebe Grüsse…

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    1. Hast du schöne Worte, lieber Marseiller…. kleine Wellchen…. und der Mittsommermann ist wohl ein Mann mit Magie … ich mein, da gehört schon viel dazu – selbstvergessen in der Bahn zu tanzen …
      Liebste Grüße
      Charlotte

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