Zwerg Nase…

sitzt mir schräg gegenüber. Im anderen Abteil. Mein Viererabteil ist leer. Bis auf mich.

Da sitzt natürlich nicht der echte Zwerg Nase – aber schon eine Person, die mich sehr an dieses Märchen von Wilhelm Hauff erinnert. Gibt nicht viele Geschichten, die mir früher Angst machten. Weder „Von einem, der auszog das Fürchten zu lernen“ noch „Grube und Pendel“ von E.A. Poe. Aber „Zwerg Nase“ hat´s In-sich. Da schauert´s mich. Ich kann den Blick gar nicht abwenden von der Frau.

Sie ist klein, verwachsen. Die Haare kurz und dunkel gefärbt. Die Augen braun. Ihre linke Hand ist deformiert. Die rechte nicht. Neben ihr sitzt ein Mann – vielleicht ihr Sohn – und hält einen Trolly fest, der immer wieder wegrollen will. Sie war auf Reisen. Gestikuliert nur mit der rechten Hand, hat ein schelmisches Lächeln im Gesicht und gar keine große Nase. Die ist ganz normal. Sogar ganz schön – die Nase. Und doch ist mein erster Gedanke, als ich sie sehe – Zwerg Nase. Warum?

Ich weiß das erst im letzten Absatz –  werde nämlich gerade aus meinen Gedanken gerissen, weil ich einem Mann Platz mache, der sich mir gegenüber setzen möchte. Muss aber erst meine Beine sortieren. Das dauert und eigentlich habe ich keine Lust. „Springen Sie rüber“, sag ich. „Nee – nicht aus´m Stand“, sagt er. „Dann nehmen Sie Anlauf“, sage ich – „ist ja Platz“. Er grinst. „Das wollen Sie nicht wirklich – ich mach Sie platt, wenn ich auf Sie rauf falle..“ „Mann – dann geben Sie sich Mühe“, sag ich und grinse auch. Derweil habe ich meine Beine eingezogen, und er schlängelt sich gefahrlos durch die Lücke auf den Platz.

Ich mache mir weiter Notizen. „Sie schreiben ja mit einem Füller“ kommt es von Gegenüber. „Nichts anderes geht bei meiner Schrift – schreibe ich mit einem Füllfederhalter – führe ich. Der Kugelschreiber führt eher mich und das führt zu absoluter Nichtlesbarkeit…“ Das gibt ihm zu denken und führt natürlich zur unweigerlich nächsten Frage: „worüber schreiben Sie denn?“

Ich steige aus meinem Gedankengang aus und schaue ihn an. „Über das hier“ sage ich. Im vollen Bewusstsein darüber, dass die Fragen nur so über mich hereinstürzen werden. Natürlich tun Sie es. „Schreiben Sie für Geld?“  Nee.   „Kann man damit Geld verdienen?“ In die Sphären werde ich wohl eher nicht aufsteigen – hab ja nicht mal ne Visitenkarte…

„Wieso machen Sie das dann?“ Ehrlich…? „JA“  …weil mir einfach viel passiert, beim Umherfahren… weil ich gern schreibe, gern beobachte und ich dafür ein Ventil brauche.

„Liest das jemand?“ AU – das tut weh, denke ich – sage ich nicht laut.

Ähm – jaaa. Ich werde gelesen. Aber da mein Blog nicht so bekannt ist, bewege ich mich eher im Zweistelligen Bereich – nach oben hin offen. „Aha – wie war nochmal ihr Name und die Seite?“ Bereitwillig zeige ich ihm mein Heft auf dem handgeschrieben steht: inderbahnmitcharlotte.com

„Ich schau heut Abend da mal rein“ verspricht er. Würde mich freuen, sag ich. Da hört er den Haltestellennamen und schaut mich entgeistert an: „Ich bin eine zu weit gefahren. Ich hätte doch schon längst draußen sein müssen.“ Das nehme ich jetzt mal als Kompliment, sage ich zu seinem Rücken.

Bei der ganzen Fragerei habe ich doch glatt meine eigentliche Geschichte aus den Augen verloren. Zwerg Nase und Sohn sind fort. Haben den Waggon verlassen, und ich habe es nicht bemerkt.

Zu Hause nehme ich den dicken Hauff zur Hand. Als ich durch das Märchen blättere, finde ich die Seite und den Grund meiner Assoziation. Das Bild zeigt ein Porträt in einem Spiegel. Jakob – eben noch bildhübsche 12, hat sieben Jahre als verzaubertes Eichhörnchen bei einer alten Hexe verbracht, kann entfliehen und weiß weder wie lange er fort war, noch wie er aussieht. Ein mitleidiger Friseur lässt ihn in einen Spiegel schauen und er erblickt einen Jungen mit kurzem dunklem Haar, braunen Augen und einer dicken, langen Nase. Verwachsen. Der Kopf ruht ohne Hals auf den Schultern.

Und wenn ich mir die dicke, lange Nase wegdenke – ist die Frau – die da eben noch im Abteil saß, das Abbild im Spiegel. Es schauert mich ein ganz klein wenig. Ich stöbere weiter und bedanke mich in Gedanken bei dieser Frau – die ganz bestimmt NICHT Zwerg Nase ist…

 

 

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12 Kommentare zu „Zwerg Nase…

  1. Liebste Charlotte,
    Auch diesmal hat sich das warten-wie zu erwarten war- gelohnt.
    Mein Greulbuch ist der schwarze Peter. So hat wohl jeder seine Geschichte. Und das der arme Mann zueit gefahren ist, kann ich gut verstehen. Schönen Restabend für Fich und mit den besten Wünschen für den bald 3stelligen Bereich. Eine gute Nacht für Dich. 🙂

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    1. Lieber Novembermann,
      Danke fürs Warten und die Müdigkeit heut morgen..😉
      Der Struwelpeter ist aber auch ein sehr heftiges Buch… da lies lieber Edgar Allen Poe… der ist auch heftig – aber da fehlt der erhobene Zeigefinger….
      Liebste Grüße
      Charlotte

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  2. Aha… Zwerg nase ….
    Ehrlich gesagt kenne ich das Märchen nicht so gut ☺️Aber etwas schon….
    Etwas geekelt hab ich mich auch 😶
    Freu mich auf die beste Geschichte ❤️

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  3. Hey meine Liebe,
    ich fand das Märchen gar nicht so schlimm. Wird ja alles gut am Ende 😀.
    Ich drücke dir die Daumen, dass es mehr Leser werden. Werde doch mal Zettel auf der Damentoilette auslegen 🤗
    Danke, für meine dienstägliche Abendlektüre.
    Bis bald liebe Charlotte
    Deine Tini 🍀

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  4. 100% Zustimmung 🙂 …“Nichts anderes geht bei meiner Schrift – schreibe ich mit einem Füllfederhalter – führe ich. Der Kugelschreiber führt eher mich und das führt zu absoluter Nichtlesbarkeit…“

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  5. Liebe Charlotte. Zuerst gab es den Finger, dann die Gänseferder, und dann den Füllfederhalter und dann den Kugelschreiber, dann den Computer…und manche USA-Pädagogen denken schon daran, den Schriftunterricht an den Schulen abzuchaffen…wozu denn den Füllfederhalter oder den Kuli , wenn die Kinder am Computer schreiben lernen?…eine andere Welt steht bevor…leider? hoffentlich?…Liebe Grüsse.

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