zwei Minuten…

…schon als ich die Treppen runter komme, sehe ich an der Anzeige, dass die Bahn zwei Minuten Verspätung hat. So ein Kack, denke ich, wieso macht das die Bahn IMMER exakt dann, wenn ich spät Feierabend habe??

Besteige ich um sechs oder um vier die Bahn, gibt es überhaupt keine Probleme. Naja  – selten – Probleme. Ich steige ein, höre Musik, beobachte die Leute und freu mich, wenn was passiert. Das steht dann hier. Komme pünktlich an meinem Umsteigebahnhof an, laufe GEMÄCHLICH  zu meinem Bahnsteig – Treppe runter, durch den Tunnel, Treppe wieder rauf, kann meinem Abholservice Bescheid geben und schaffe sogar noch einen Schluck aus der Wasserflasche zu nehmen. Zwei Minuten nach Ankunft im Umsteigebahnhof  kommt die Bahn rein gerauscht. Ich trete ein kleines Stück zurück – nicht das der Zugführer kollabiert, weil er glaubt ich würde vor seinen Zug springen wollen – lasse die Leute aussteigen und suche mir einen Sitzplatz möglichst weit hinten. Ganz entspannt das Ganze.

Heute – weiß ich –  wird´s wieder eng. Klar. Hab ja spät Feierabend. Aus zwei Minuten werden drei  – die Bahn kommt. Ich steige ein. Sie dingeldongelt rot, die Türen krachen zu. Sie fährt nicht ab. Aha. Unendlich langsam setzt sie sich in Bewegung. An der nächsten Station das gleiche Spiel. Sie dingeldongelt rot, die Türen krachen zu. Die Bahn fährt nicht ab. Aha.  Nach gefühlt einer halben Minute setzt sie sich in Bewegung. Was zum HimmelDonnerWetter macht der/die Fahrerin? Warten, dass noch einer aufspringt und man dann durch den Waggon brüllen kann: ZURÜCK TRETEN BITTE!!  ?

Ich laufe wie ein hungriger Tiger an der Tür auf und ab. Davon wird die Bahn nicht schneller aber ein Radfahrer spricht mich an. „Du willst auch den Anschlusszug kriegen?“ Bevor ich antworten kann, sehe ich auf Augenhöhe einen Zug neben uns fahren. MEINEN Zug. Der mich nach Hause bringen soll.

„Schaffen wir den?“, frage ich zurück. Er mustert mich skeptisch. „Da musst du ganz schön rennen“, sagt er schließlich. Klar muss ich das. So ein Zug wartet ja nicht auf die S- Bahn. Keine Priorität. Keine Kommunikation.

Die Bahn fährt ein, ich stürme aus der Tür. Renne die Treppen runter, durch den Tunnel und die Treppen wieder rauf. Stürze durch die sich gerade schließende Tür  des Zuges und halte sie für den Radfahrer auf. Der rollt auf die gegenüberliegende Seite ( zum Glück sind da die Türen geschlossen) und macht noch einer – sich durch die  wirklich gefährlich schließende Tür quetschende – Gestalt Platz. Die Gestalt ist ein junger Mann mit Fahrrad.

Alle drei atmen wir schwer. Der erste Radfahrer starrt mich erstaunt an: „Wir haben es echt geschafft. Nicht zu glauben…“ In Gedanken gebe ich ihm eine HIGHFIVE. Der andere Radfahrer atmet schon weniger schwer und gibt mir tatsächlich eine HIGHFIVE… „Cool“, sagt er. Und „Danke“, sagt er auch.

Eingequetscht zwischen den Rädern und Adrenalin erfüllt, höre ich mein Telefon klingeln. Mein Abholservice will wissen, ob ich pünktlich sein werde. „Klar doch“, sage ich,“ Gar.   Kein.   Problem.“

 

 

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9 Kommentare zu „zwei Minuten…

  1. Liebste Charlotte, das warten hat sich wieder einmal gelohnt. Morgen früh um 5 werde ich zwar müde sein, ich weiß warum und wofür. Ein Lächeln in mir wird mich begleiten und die Menschen um mich herum erfreuen, auch wenn sie nicht wirklich wissen warum ich gute Laune verbreite. Sie werden dir (unbekannter weise) sicher dankbar sein.

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    1. Lieber Novembermann,
      fünf Uhr ist grässlich früh … schlaf gut…
      und schön gute Laune haben, könnt ja auch vom Wetter kommen …😉
      Liebste Grüße in die beginnende Nacht
      Charlotte 😎

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  2. Liebe Charlotte ! Die deutsche Pünktlichkeit gehört zum deutschen Modell, das in Frankreich beneidet wird….Hast du durch die Medien gehört oder gelesen, dass die Mitarbeiter unserer SNCF (unsere Bahn-Gesellschaft) zum 16. Mal streiken (jeden 2 1/2 Tag wird gestreikt) und haben vor, bis Ende Juni und vermutlich auch den Sommer über weiter zu streiken…Was bedeuten 2 Minuten Verspätung?….Antwort von Franreich aus : deutsche Qualität…! Ich Wûnsche dir eine schöne Bahnfahrt! Liebe Grüsse.

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    1. Tja – da wird Frankreich wohl aufs Rad umsteigen müssen … 😉 aber zwei Minuten sind ja deshalb so ärgerlich, weil man es BEINAHE noch schaffen könnte… Nichts ist schlimmer als zu rennen und dann die Rücklichter des Zuges zu sehen oder -worst case – er steht noch und gibt die Türen nicht mehr frei …😱 und der nächste in meine Richtung geht 40 min später… perfide ist dann, dass der garantiert verspätet kommt … alles schon erlebt … aber, lieber Marseiller, ich berichte lieber von der zwischenmenschlichen Komponente – da fehlt‘s halt zwischen Bahn und S-Bahn… aber – was nicht ist, kann noch werden…
      Liebe Grüße 😎

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  3. Liebe Charlotte ,
    da kann ich eigentlich nicht viel sagen… Ich kann dich nur immer wieder Fragen:Wie schafst du es immer in sowas zu Erleben!?🤔
    Ich bin auch schon Bahn gefahren, aber mir ist sowas erst 1 oder 2mal passiert(das ich in solche (Erlebnisse) komme)….

    ICH GLAUBE DAS ERLEBNIS WARTET IMMER AUF DICH …..🤗

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