Position des Kriegers

Stellt euch vor, es ist Sommer und ihr fahrt Bahn…

Als ich die Bahn sommerlich leicht bekleidet betrete, riecht es komisch. Liebevoll ausgedrückt. Eigentlich stinkt es. Ich blicke mich um und entdecke zwei wankende, betrunken wirkende Männer. Weit weg. Ich suche mir einen Platz – noch weiter weg und denke:… egal – bin ja nicht lange unterwegs… Dabei öffne ich noch ein Fenster.

Dann setze ich meine Sonnenbrille auf und höre Musik. Man sagt doch, dass man nach drei Minuten Gerüche nicht mehr wahr nimmt. Aha. Mein Geruchssinn sagt mir aber auch noch nach 5 Minuten, dass sie noch in der Bahn sind. Die beiden wankenden Männer. Ich schaue auf.

Noch ein Aha. Sie haben den Standort gewechselt. Stehen in meiner Sichtachse an der Tür. Wollten wohl den Fahrradfahrern aus dem Weg gehen, nebenbei ein paar Münzen einsammeln und stehen jetzt an der Tür. Durch diese Tür muss ich gleich raus.

Der deutlich jüngere von beiden, hält ein Kippe in der Hand. Die will er sich anzünden. In der Bahn…

Glaubt mir – auch wenn ich nicht rauche, ich rauche nicht militant nicht. Ich hab kein Problem damit, wenn sich jemand auf der Terrasse neben mir eine Zigarette anzündet. Und dass der Rauch immer zum Nichtraucher wabert, ist Gesetz. Hat bloß noch keinen Namen.

Mit Zigaretten in der S Bahn ist das so eine Sache. Geschlossener Raum… gefährlich… verboten…

Weiß ich denn, was passiert, wenn der die sich jetzt anzündet. Vielleicht zieht jemand die Notbremse und ich komme zu spät zur Arbeit. Das geht ja gar nicht. Unpünktlichkeit kann ich echt nicht leiden. Weder bei mir. Noch bei anderen. Und bei der Bahn schon gar nicht. Obwohl ich da schon milder geworden bin. Geradezu entspannt.

Jetzt bin ich aber gerade sehr angespannt. Bevor ich überhaupt denken kann, stehe ich vor dem wankenden Mann mit der Kippe und lege meine Hand auf seinen Arm. Innerlich gehe ich in die Position des Kriegers. Nichts kann mich umwerfen. Äußerlich bin ich in der Position des Wackelpuddings. Quietsch-grün.

„… sei so lieb und mach sie draußen an…“ sprudelt es aus mir hervor. Dann nehme ich meine Hand wieder von seinem Arm und schaue ihn an. Was hat der für Augen, denke ich… rotgeädert und blutunterlaufen starren sie mich an. Blau sind sie. Ein unglaublich intensives blau, dass auch durch das Auf-der-Straße-Leben nichts an Lebendigkeit eingebüßt hat.

Atemlose Stille.

Stille. Atemlos.

„Ok“, brummt er, „weil du es bist…“ Er steckt sich die Kippe tatsächlich wie im Film hinters Ohr. Und ich bin mir sicher, das das Poltern von dem Stein, der mir gerade vom Herzen fällt, deutlich durch den Waggon hallt.

Niemand anderes scheint die Szene bemerkt zu haben. Gott sei Dank. Mir zittern die Knie als ich mich an den beiden vorbei drücke, um durch die Tür zu kommen. Draußen auf dem Bahnsteig hole ich tief Luft. Das hätte echt ins Auge gehen können oder auf die Nase. Aber irgendwie auch nicht…

 

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3 Kommentare zu „Position des Kriegers

  1. Liebe Charlotte,
    danke für deine kurzen, unterhaltsamen und schönen Erzählungen.
    Manchmal könnte man Lust zum
    Bahn fahren bekommen 🙂

    Liken

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