Zwei Bahner und ein Heiratsantrag

Wieso ist die Bahn abends um halb neun noch so voll? Ich streife durch den Gang auf der Suche nach einem Sitzplatz. Ich will sitzen, habe zehn Stunden Stehen, Laufen und Reden hinter mir. Will jetzt nur noch sitzen und nix tun. Mache Halt vor einem Viererabteil. Am Fenster sitzt ein Mann. Neben ihm sein Rucksack. Gegenüber in Fahrtrichtung sitzt ein weiterer Mann, das Köfferchen versperrt den Sitz am Fenster. Die beiden Männer starren mich an, dann lächeln sie und einer fragt, in welche Richtung ich denn sitzen möchte. Perplex stottere ich: Fenster… Fahrtrichtung…

Der Mann nimmt sein Köfferchen und verstaut es zwischen seinen Beinen. Offensichtlich habe ich ein Gespräch unterbrochen, welches die beiden wieder aufnehmen. Es geht um Weihnachten und um die Weihnachtsaufmerksamkeiten der Bahn für ihre Mitarbeiter.  Der Mann mir gegenüber trinkt gern Tee und fragt seinen Kollegen mit schalkhaftem Lachen, warum er denn immer wieder Kaffee geschenkt bekäme. Ist wohl eher eine rhetorische Frage… Die beiden kichern vor sich hin. Mein Sitznachbar fragt nach der Freundin des Schalkhaften. Ah, denke ich, jetzt wird´s interessant…

„Oh, oh“, meint der Angesprochene, „ich habe zweimal verpasst ihr einen Heiratsantrag zu machen…“ „Zweimal?, Wie das denn?“ Interessiert beugt sich der Mann neben mir vor. Der Andere windet sich: „Wir waren schon zweimal auf den Seychellen. Alles perfekt. Sonnenuntergang, Kerzen… alles da… nur keine Ringe, denn wenn ich sie nach ihrer Ringgröße gefragt hätte, wär´s ja keine Überraschung mehr… Also Sonnenuntergang, Kerzen… alles da… nur fragen – ging irgendwie nicht…“

„Hmm“, sagt der Kollege, „und jetzt?“

„Mensch, wir kennen uns seit sieben Jahren, wer will denn da noch heiraten? Wir sind auch so glücklich…“ „Obwohl…“, er reibt sich die Nase, fährt sich mit der Hand durch die Haare, „ich könnte sie ja auf Usedom fragen – am FKK Strand…“

„Aha“, sag ich… „und wo sind da ihre Ringe?“ Stille. Ohrenbetäubend. Dann prusten alle gleichzeitig los, und der Mann neben mir legt sich imaginäre Ringe unter die Zunge… „Hillst du heine Wrau werden…? Brüllendes Gelächter im Abteil neben uns. Mir steigen Tränen in die Augen vor Lachen. Meine Station wird angesagt und ich kriege vor Lachen meine Sachen nicht gepackt. Was natürlich zu neuem Gelächter führt. Im Gang giggelt es und das Abteil neben uns lacht auch immer noch…

Lachend renne ich die Treppen runter, kriege noch den Bus und bemerke erst als ich vor der Haustür stehe, dass ich zehn Stunden Arbeit hinter mir habe und eigentlich ziemlich k.o. bin. Da muss ich schon wieder lachen…

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Ein Kommentar zu „Zwei Bahner und ein Heiratsantrag

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