Bauchschmerzen…

…sind auf dem Weg – so wie ich – zur Geburtstagsparty einer wirklich guten Freundin.

Es ist Sonntag – ich muss nicht Bahn fahren, kann einfach hin laufen. Freue mich auf mal andere Menschen – nicht immer nur Familie, andere Gespräche – hoffe auf: nicht immer Corona.

Der Hausherr empfängt mich im Garten und fragt, wie es mir erging – auf der Demo – Samstagnachmittag… Wie beschreibt man eine Demo, deren Gedankengut derart polarisiert..?Eine Demo, deren Gegner, dich mit Nazis, Reichsbürgern, AFD Wählern und natürlich – den Weltverschwörungstheoretikern – in einen Topf werfen…? Dass ich anders denke, macht mich zur Gefahr, dass ich anderen Kanälen lausche, macht mich zur Covidiotin und dass ich darüber schreibe, kostet mich Freunde… Es ist so.

Ich lächle den Hausherrn an und sage – du hast gefehlt. Er grinst – nächstes Mal, Charlotte…

Ein Pärchen sitzt am gedeckten Holztisch, alle anderen Plätze sind noch frei und ich frage nur der Form halber, ob ich mich neben den Partner des Pärchens setzen kann.

„Wer zur Demo geht, gehört an die andere Seite des Tisches !“

Oha.

Das meint der ernst. Da ist kein Lächeln im Blick. Kein Schalk, der die Schärfe und Ungeheuerlichket neutralisieren könnte. Dieser Mann – den ich kenne – zu kennen glaubte – meint das todernst.

Es trifft mich mit voller Wucht. Selbst jetzt beim Schreiben – fast zwei Wochen später – trifft es mich erneut. Mit voller Wucht.

Kein Wort fällt mir ein. Mein dickes Fell hängt zu Hause und ruht sich aus. Weder mein KLEINES VORMIR noch das KLEINE HINTERMIR sind zur Stelle. Haben ihren freien Tag – alle beide. Lange schaue ich dem Mann in die Augen, der sie schnell senkt. Gehe auf die andere Seite des Tisches, stelle meinen Stuhl noch weiter ins Gras, atme tief aus. Und dann sind sie da – die oben erwähnten Bauchschmerzen. Symptomatisch wie mir scheint – heftig… und niemand hat bemerkt, was hier gerade passiert ist.

Zwei Bissen vom Schokokuchen kriege ich runter. Mehr nicht. Prosecco hilft auch nicht.

Ein surrendes Geräusch aus der Luft lenkt mich ab. Über uns im 45 Grad Winkel schwebt eine Drohne. Das habe ich bisher nur an der Ostsee erlebt. Fast eine Minute surrt sie da, dreht ab – kommt wieder. Dreht wieder ab und bleibt verschwunden. Schon merkwürdig.

Meine Freundin schaut mich an – dir gehts nicht gut, Charlotte, stellt sie fest. Ich umarme sie, murmle was von meinen Bauchschmerzen, verabschiede mich und bin verschwunden. Trage diese Sprachlosigkeit – ja – und auch – Hilflosigkeit- fast zwei Wochen mit mir rum.

Heute – in der Bahn – ist mir der Titel zu dieser Charlotte eingefallen. Und habe ich erstmal einen Titel – kommen auch die Worte…

Mein dickes Fell hüllt mich ein, mein KLEINES VORMIR und mein KLEINES HINTERMIR arbeiten wieder. Worte finden ihren Weg. Hilflosigkeit weicht dem WEITERdenken, dem QUERdenken und dem ANDERSdenken.

Weil – SELBSTdenken hilft immer…